Vom Sozialschmarotzer zum Gossenboss. Asozialität als Konstrukt, Verfolgungsgrund und Hype.

Veranstaltungsreihe in Hamburg von März-Juni 2016

„Asoziale“ sind die Anderen, die Marginalisierten, die Randständigen.

Im Nationalsozialismus wurden Menschen anhand dieser Klassifizierung verfolgt, kamen in Arbeitserziehungslager oder ins KZ, wurden entmündigt, zwangssterilisiert und ermordet. Bis heute wurden die Betroffenen nicht als Opfergruppe des NS anerkannt, es wurden keine Entschädigungszahlungen geleistet, Gedenken ist marginalisiert oder findet nicht statt. In der DDR wurden die „Arbeitserziehungslager“ der Nazis weiter benutzt, Arme und Arbeitslose wurden mittels des „Asozialenparagraphen“ strafrechtlich belangt. Auch in der BRD waren und sind Leute, die als „asozial“ betrachtet werden Polizeirepression ausgesetzt, stigmatisiert, der öffentliche Raum restriktiv gestaltet. Medien und Popkultur spiegeln gesellschaftlich verbreitete Stereotypen wider („Florida-Rolf“ und das „Penner-Game“), die sich gegen Menschen richten, die vermeintlich nichts wert seien, nichts zur Gesellschaft beitrügen. Bei einer kritischen Auseinandersetzung mit diesem Thema ist es wichtig auch die rassistischen Verfolgung von Sinti und Roma zu benennen, welche sich gerade im Nationalsozialismus der „Asozialen“ Terminologie bediente. Die rassistische Konstruktion einer qua Blut gegebenen „Asozialität“ als Wesensmerkmal dieser homogenisierten Gruppe, gewinnt auch in heutigen Debatten wieder an trauriger Aktualität. Das Ressentiment gipfelt in Neonazi-Morden an Wohnungslosen und Punks.

Asozial zu sein ist für manche gleichzeitig cool, trendig und in gewisserweise ein Widerstand gegen gesellschaftliche Normen. Ein Deutschrapper kürt sich selbst zum „Gossenboss“, Punks nennen sich selbstbewusst „asozialer Parasit“, verschiedene (linke) Subkulturen frönen dem Hype um Jogginghosen, Feinripphemd und Dosenbier und kokettieren mit dem, was der Unterschicht an Style und Verhalten angedichtet wird. Asozial 4 Life.

Was also ist das, dieses „asozial“? Wer prägt(e) den Begriff? Wer grenzt(e) Menschen als „Asoziale“ aus, mit welcher “Begründung” und in welchen Kontinuitäten? Was ist spezifisch an der Verfolgung sogenannter “Asozialer” im Nationalsozialismus, in DDR, BRD als auch der Gegenwart?

Wer will trotz gesellschaftlich negativer Zuschreibung von „Asozialität“ möglichst assig sein und warum?

Der AK kritische Asozialität setzt sich mit der Konstruktion des „asozialen“, der historischen Verfolgung und ihrer Kontiunität bis in die Gegenwart und der Annäherung an das Phänomen der positiven Aneignung des „asozialen“ auseinander. Die hieraus entstandene Veranstaltungsreihe ist ein Versuch, verschiedene Aspekte des „vergessenen“ Themas anzureißen und eine Debatte hierüber anzustoßen.

In Kooperation mit: AgfJ (Arbeitsgemeinschaft freier Jugendverbände), KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg.

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